„nymphs & shepherds“ beleuchtet Händels Oper Acis & Galatea aus ungewohnter Perspektive: Der Chor steht im Mittelpunkt des Bühnengeschehens und entschlüpft seiner traditionellen Rolle als undifferenzierter Masse, die Protagonisten hingegen werden zu bloßen Puppen in seinen Händen. Wie verhält sich jeder Einzelne? Wie kommt es zum Verbrechen? Wer ist verantwortlich? Welches Ritual der Erinnerung wird geschaffen? Feinste Barockmusik, brisante Fragen…
Mit unfrozen hat TONIKUM unter der Leitung von Kerstin Behnke das Aufführungsformat des kinetischen Chorkonzertes entwickelt: Die Statik einer Aufstellung in Reih und Glied weicht motivierten Bewegungen in wechselnden Bühnenkonstellationen, Sängerinnen und Sänger treten dem Publikum nicht nur als Teil eines Ganzen, sondern auch als eigenständige Persönlichkeiten gegenüber.
In „nymphs & shepherds“ wird dieses Format unter der Regie von Andrea Kilian auf Händels Oper Acis & Galatea übertragen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Chor der Schäfer und Nymphen. Mit wechselnden Gefühlen und Kalkülen reagiert er, nicht immer einmütig, auf das sich absondernde und nach Individualität strebende Protagonistenpaar. Bereits bevor die Katastrophe ihren Lauf nimmt, werden Acis und Galatea zu Puppen in diesem Spiel. Sie können besingen, wonach sie streben und was ihnen widerfährt, doch nicht sie, sondern die auf sie einwirkenden Kräfte bestimmen augenfällig das Geschehen. Diese Perspektive, wie auch die Zuspitzung des klassischen Opernstoffs auf den Umgang einer Gemeinschaft mit nichtkonformem Verhalten, wird ermöglicht durch Kerstin Behnkes Arrangement der Oper für Chor, Orchester und nur zwei Solisten. Die übrigen Solopartien übernimmt in mehrstimmigen Sätzen der Chor – selbst die zerstörerische Gewalt des Monsters Polyphem entfesselt sich aus dem Chor heraus.So zeichnet „nymphs & shepherds“ modellhaft und fern von traditionellem Opernschauspiel Dynamiken in einer Gemeinschaft nach, die letztlich die Frage nach individueller und kollektiver Verantwortung aufwerfen.